2018
Entdeckung Nummer 10
„Wechselstrom“
Weingut Ansgar Clüsserath & Weingut Wittmann / Mosel & Rheinhessen

(24 €)

Penfolds Grange ist der berühmteste und teuerste Wein Australiens. Was viele nicht wissen: er stammt nicht aus einem einzigen Weinberg, ja nicht einmal aus einem einzigen Weinbaugebiet. Der legendäre Grange ist ein sogenannter Multi-District-Wine. Penfolds wählt die besten Trauben aus seinen Weinbergen in ganz Australien dafür aus, sie müssen zum Teil viele Stunden in Kühltransporten gefahren werden, um in die Kellerei zu gelan-gen. Die Cuvéetierung ist eine große Kunst, geht es doch darum die Stärken jeder Region zu einem ebenso komplexen wie harmonischen und balancierten Ganzen zu vereinen.

In Deutschland ist so etwas bei Spitzenweinen undenkbar, alles wird fein säuberlich getrennt, es geht um den Ausdruck des Weinbergs, nicht um etwas, das mehr ist als die Summe einer Teile. Cuvées haftet immer noch etwas von Verschnitt an, überregionale Cuvées gibt es deshalb fast ausschließlich im niederpreisigen Bereich.

Kein Wunder also, dass Eva Clüsserath-Wittmann und ihr Mann Philipp Wittmann sich eines fest vornahmen: wir werden niemals einen solchen Wein keltern. Dabei gehört jeder für sich und mit völlig eigenständigem Stil, zur Elite des deutschen Weinbaus, sie an der Mosel, er in Rheinhessen. Mich ließ deshalb der Gedanke nicht los, dass diese Beiden perfekt wären für einen deutschen Multi-District-Wine der Spitzenklasse - ein Traum, den ich seit meinem Weinbaustudium in Adelaide (Australien) mit mir herumtrug. Wobei meine Idee einen As-pekt enthielt, den es beim Penfolds Grange nicht gibt, einer der mit den Menschen zu tun hat, die einen Wein erzeugen. Wenn eine Winzerin und ein Winzer perfekt zusammen passen, und ihre Weine ihre Persönlichkeit widerspiegeln, müssen dann nicht auch ihre Weine eine harmonische Einheit ergeben? Weil es jenseits von allen Rebsortencharakteristiken und der Prägung durch Bodenformationen einen Kern gibt, der auf den Men-schen zurückzuführen ist, welcher den Wein geschaffen hat?

Für die Beantwortung dieser Frage brauchte es natürlich die Rebsorte, die am sensibelsten auf Einflüsse rea-giert, die Boden, Klima aber auch Weinbergsarbeit und Ausbau, also die Handschrift von Winzerin und Winzer feinfühlig spiegelt: der Riesling.

Also fragte ich einfach mal bei den Beiden an.

Am 8.2.2017 erreichte mich dann folgende Nachricht:
„Hallo Carsten, grundsätzlich hatten Eva und ich immer gesagt, dass wir kein Mosel-Rheinhessen-Cuvée ma-chen werden, weil wir die Eigenständigkeit und Unterschiede immer im Vordergrund sehen möchten. Deine Anfrage bietet jedoch die Plattform diesen Schwur eigentlich aufrecht zu halten und es nie mehr zu tun, nach-dem dein Wein entstanden ist.“

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich ein kleines Freudentänzchen aufführte! Bei einem Treffen in Westh-ofen wurde dann vereinbart, dass jeder der Beiden seinen Wein eigenständig produziert, und es die Cuvéetie-rung sein würde, die das Kunststück fertigbringt. Denn es ging uns darum den Gleichklang der Jungweine zu erspüren, nicht beim Ausbau bereits zusammenzuarbeiten. Denn eine Beziehung ist dann stark, wenn beide Partner ihre Eigenheit behalten, beide in sich authentisch sind.

Die Cuvéetierung fand in Trittenheim statt. „Eva und ich wollen zwei expressive Partien vermählen“, schrieb mit Philipp vorher und das war nicht zu viel versprochen! Sie stellten dafür nicht irgendwelche Jungweine von irgendwelchen Weinbergen auf den Tisch, sondern von ihren beiden Paradelagen: Trittenheimer Apotheke und Westhofener Morstein. Jeweils mehrere Proben, von unterschiedlichen Partezellen. Philipps Morstein ist ein reiner Südhang, der sich bis auf 280 Meter Höhe zieht, die älteste in Westhofen erwähnte Einzellage (1282). In der oberen Schicht finden sich schwere Tonmergelböden mit Kalksteinablagerungen - und darunter blanker Kalksteinfelsen. Evas Apotheke geht zurück auf eine Stiftung der Trierer Abtei mit dem Namen Abtsberg und zählt zu den Spitzenlagen an der Mosel, was unter anderem von ihrer extremen Steillage bis zu 78% herrührt. Der Südwesthang erhält bis in die späten Abendstunden direkte Sonneneinstrahlung, wodurch lange Wärme-speicherung im Schiefer und damit eine Verlängerung der Reifeperiode erzielt wird. Sowohl Eva wie Philipp bewirtschaften ihre Weinberge nach biologischen beziehungsweise biologisch-dynamischen Prinzipien.

Bei der Verkostung der Einzelweine zeigten sich sofort die Unterschiede zwischen den Regionen: hier die Präzi-sion und Säurespannung des Moselschiefers, dort die kühle Mineralik des Kalksteins und die opulente Fruchtig-keit Rheinhessens. 50 zu 50 sollte das Verhältnis sein - absolut ausgeglichen, wie in einer guten Ehe. Und ab dem Moment, wo wir das erste Probe-Cuvée zusammenstellten, wirkten die Jungweine so, als würde ihnen ohne den Partner aus der anderen Region etwas fehlen. Nach langem Probieren und Diskutieren fanden wir das perfekte Cuvée: Evas Anteil besteht aus zwei Partien, die am 8. und 10. Oktober 2017 gelesen wurden, aus dem Gewann „Sonntheilen“ in der Apotheke. Philipps Morstein wurde in mehreren Lesedurchgängen vom 23. bis 30. Oktober gelesen. Alle Weine wurden spontan im traditionellen Stückfass vergoren und dann lange auf der Hefe gelassen.

Über den Namen für diesen Wein musste ich nicht nachdenken, er lag im wahrsten Sinne des Wortes vor uns: der Strom Mosel. Und nicht fern von Westhofen: der Strom Rhein. Doch der Name bezieht sich genauso, viel-leicht noch mehr, auf das Zusammenspiel von Eva und Philipp, in dem Namen steckt die Energie von beiden, die in diesem bemerkenswerten Riesling eins wird. Zudem ist es ein Wein, der einen wirklich unter Strom setzt, der eine enorme Spannung hat.

Da der Wein solch eine persönliche Cuvée ist, mussten natürlich die beiden Personen auf das Etikett, die er vereint. Die extra und exklusiv für dieses Etikett erstellte Grafik stammt vom großartigen Kölner Künstler Leo Leowald. Danke liebe Eva & lieber Philipp, ihr habt einen verrückten Traum wahr werden lassen!