2019
Entdeckung Nummer 11
„Wald vor lauter Bäumen“
Weingut Dautel / Württemberg

(31,50 €)

Hart, härter, Akazie. Das Holz lässt in Sachen Festigkeit und Härte selbst die Eiche hinter sich. Kein Wunder, dass es früher viel zum Fassbau eingesetzt wurde. In Niederösterreich gab es vor allem in den 70er und 80er Jahren sogar eine Präferenz für Akazie – bei Weißwein. Heute wird Akazie nur noch selten eingesetzt, und fast nie für Rotwein. Zeit für eine Entdeckung!

Aber vorher eine Klarstellung: Die Akazie ist eigentlich gar keine Akazie, botanisch wird der verwendete Baum als Robinia pseudoacacia bezeichnet – also als falsche Akazie.

Welche rote Rebe könnte man in diesem besonderen Holz ausbauen? Seit Jahren wundere ich mich, dass sich in Deutschland keine zweite, heimische Rotweinsorte neben dem Spätburgunder in der Spitze fest etabliert hat. Dabei gibt es in eine, die das Zeug dazu hätte: der Lemberger. Nach Ungarn (als Kékfrankos) und Österreich (als Blaufränkisch, wegen Napoleon und der Bezahlung seiner Truppen, nette Geschichte) ist Deutschland das Land, in dem die Rebe am meisten angebaut wird. Die besten Wein der Zufallskreuzung aus Blauer Zimmettraube und Weißem Heunisch besitzen eine große Lagerfähigkeit und ein bemerkenswertes Tanningerüst.

Bei dieser Entdeckung gab es jedoch eine große Hürde: der Winzer musste sich ein neues Akazienholzfass anschaffen, da nur so das Holz eine große Rolle spielt. Wer wäre verrückt genug dazu? Mir kam direkt Christian Dautel in den Sinn, der Rastaman aus Bönnigheim, einer der allerbesten und coolsten Winzer im Ländle. Ein klasse Typ, der fachlich extrem viel draufhat. Christian lernte sein Handwerk in Geisenheim und Bordeaux, aber auch bei Praktikas in Südafrika, den USA, Australien, Österreich und dem Burgund. Er ist die 14. Generation im Gut, seit 1510 wird Weinbau in der Familie betrieben. Vater Ernst war einer der Barrique-Pioniere in Deutschland, genauso einer der Ersten die cuvéetierten und Chardonnay anpflanzten. Entdeckergeist hat Tradition in der Familie!

Also angerufen und gefragt.

„Mach ich“, sagte Christian sofort. Und: „Coole Idee!“.

Ich hatte genau den Richtigen gefunden.

Er hörte sich bei Kollegen in Österreich und an der Mosel um, die Akazie nutzen. „Danach war mir klar, es muss ein großes Holzfass sein, denn bei Barrique ist der Holzeinsatz noch krasser, das geht gar nicht. Außerdem muss was Rotes rein, das Wumms hat. Eben Lemberger und kein Spätburgunder, bei dem ist Neuholz eh kritisch.“ Bei großen Holzfässern vertraut Christian deutschen und österreichischen Küfern am meisten. Er entschied sich für die Fassbinderei Herbert Schneckenleitner aus Waidhofen an der Ybbs. Ein kleiner Betrieb, der trotzdem sehr bekannt ist und Fässer sogar nach Frankreich und Italien liefert. Auch hier gibt es eine lange Familientradition – auch wenn das Handwerk im Gegensatz zu den Dautels „nur“ seit 1880 in der Familie ist.

Im März 2018 bestellte Christian ein Fass, damit er es für die Lese im Keller haben würde. „1.200 Liter, eine geile Größe, umgerechnet rund vier Barrique-Fässer. Normalerweise verkauft Schneckenleitner die für Weißwein, ich hatte ihm gesagt, er soll von der Toastung etwas anders machen für unseren Roten.“

Das Holz lagerte in der Fassbinderei zuvor sechs Jahre in freier Natur zur
Trocknung. Die Toastung war „long, deep, light“.

„Es ist ein wunderschönes Fass, ich liebe ja große Holzfässer. Optisch ist es nicht der krasse Unterschied zu Eiche, aber wenn du reinriechst, ist es würziger.“

Christian wusste schnell, aus welcher Lage die Trauben kommen sollten: „Ich hab mich für eines meiner Lieblings-Gewanne im Bönnigheimer Sonnenberg entschieden, den Schallenberg, weil da steht der Lemberger auf Gipskeuper. Eine superhochwertige Parzelle, windgeschützt, Südausrichtung und eine Neigung bis zu 35%. Eine „Erste Lage“ nach VDP.Statut. Du kannst in ein neues Akazienfass halt einfach keinen Gutswein reinlegen, das muss schon was Geiles sein. Gipskeuper passt, weil die Weine voluminöser und charmanter sind, also von der Tanninstruktur ein bisschen weicher. Denn ein Akazienholzfass macht den Wein straffer.“

Der 2018er Jahrgang war für Lemberger sehr gut, die Trauben besaßen genau die richtige Substanz für neues Holz. „Wir hatten etwas weniger Ertrag wegen Hagelschaden, für die Weinqualität war das allerdings positiv – natürliche Ertragsbegrenzung!“

Gelesen wurde am 24. September, die Trauben hatten stolze 99 Öchsle. Was die Traubenqualität betrifft gehört Christian zu den extrem Peniblen. „Bei der Entrappung wird für Rotwein alles nachsortiert, 100% gesundes Lesematerial und 100% ganze Beeren, da ist nichts gequetscht, wir lesen immer in kleine Bütten.“

Vergoren wurde in offenen Edelstahltanks. „In gewisser Weise hatten wir vier Tage Mazeration, weil noch nicht viel Gärung passierte. Nachdem die spontane Gärung dann losging haben wir regelmäßig überschwallt, und hintenraus wird gestoßen, auch um die Beeren zu öffnen, und zu extrahieren.“ Dann: Abpressen, grob sedimentieren. Über den Winter machte der Lemberger ganz natürlich den biologischen Säureabbau im Akazienfass. In diesem hatte Christian zuvor noch einen Weißburgunder vergoren, um die stärksten Holznoten rauszuholen. „Der war echt hart“, erzählt er. Und auch, wie sein erster Eindruck war, als er den Lemberger aus dem Fass probierte. „Ich war total geschockt, ich dachte heieieiei, das ist echt brutal, extrem strukturiert.“ Aber er gab dem Wein und dem Fass Zeit. Abgefüllt wurde erst Ende August 2019, kurz vor dem Herbst, die letzte Füllung, unfiltriert.

Nach der Füllung war der Eindruck dann ein ganz anderer. „Das  Holz ist jetzt super eingebunden. Die Akazie gibt mehr Länge, viel mehr Struktur, du hast nicht diese süße Toastaromatik von der Eiche, nichts ist geschminkt, das ist mehr strukturgebend. Lemberger pur mit Rückgrat!“ Christian weiß genau, wovon er redet, denn er hat einen Teil des Weins ins Barrique gelegt, um den Unterschied herauszufinden.

Als ich den Wein verkoste bin ich direkt hin und weg. Ein köstlicher Duft entsteigt dem dunkelfarbigen Wein, eine sanfte, weiche, generöse und opulente Frucht: Brombeeren, Herzkirsche, ein bisschen Holunder, aber auch Zwetschge, frisch gemahlener schwarzer Pfeffer und Wiesenkräuter. Am Gaumen kommt dann toller Grip dazu und eine hochfeine Würzigkeit, die fast ein wenig an Tannennadeln erinnert, nur ganz leicht im Hintergrund. Je länger der Wein im Glas ist, desto desto klarer erkennbar werden seine vielen, faszinierenden Facetten, als würde man bei einem Orchester nun die einzelnen Musiker heraushören können. Er vereint samtige Fruchtopulenz mit einem herrlich festen Tanningerüst. Seine inneren Werte: 1,2 Gramm Restzucker, 4,8 Gramm Säure und 13,5% Alkohol.
Der Name für den Wein kam mir, als die erste Flasche leer war. Wir sehen Robinien in vielen Parks, doch auf die Idee unsere Rotweine darin auszubauen kommen wir nicht: Wald vor lauter Bäumen. Der Ausdruck wurde einst durch deutschen Dichter Christoph Martin Wieland geprägt, einem überzeugten Weintrinker. Von ihm stammt der Ausspruch „Der Wein gibt Witz und
stärkt den Magen“. Es hätte ihm sicher gefallen, dass Dautels Akazien-Lemberger seine Worte trägt. Danke, Christian, für deinen Mut, dieses Abenteuer einzugehen und diesen magenstärkenden Wein zu entdecken!