2020

Entdeckung Nummer 12

„Nunn“

Weingut Zehnthof Luckert / Franken

(24,30 €)

Warum die Nonne keine optische Täuschung istIch gebe es zu: früher hatte ich Angst vor fränkischen Weinen. Also ganz früher, als ich meine ersten Schritte in Sachen Wein machte, und ich gewarnt wurde die Gewächse von dort seien „fränkisch trocken“, was so klang als würden sie beim Eingießen stauben. Es erforderte damals also etwas Mut meine erste fränkische Buddel zu öffnen –daraus ist dann eine lebenslange Liebe geworden.

Diese Liebe hat sich jetzt mit einer anderen verbunden, nämlich der zur vielleicht ältesten Rebsorte der Welt: Muskateller. Auch bekannt als Grobschmeckerter, Moscatel und Muscatellus. Ganz exakt gemeint ist der Gelbe Muskateller. Eigentlich sind Bouquet-Sorten meine Sache nicht, aber diese Rebe trifft einen neuralgischen Punkt bei mir. Sie ist nicht so nuttig in ihrer Aromatik, sondern elegant und fein, dazu kommt eine erfrischende Säure. Großartige Muskateller-Weine stammen zum Beispiel aus der Steiermark, oder aus Malaga. In Deutschland wurde die Sorte lange vornehmlich süß ausgebaut, oder als einfacher Basiswein. Seit langem bewegte mich deshalb die Frage: ist nicht auch in Deutschland viel mehr drin? Und zur Beantwortung der Frage fielen mir sofort die Luckerts aus Franken ein, Bio-Kult-Winzer, die mit dem „Creutz“ den teuersten und fast in jedem Jahr besten Sylvaner Deutschlands produzieren. Von ihnen hatte ich schon etliche richtig gute Muskateller getrunken. Könnte man an einen Luckertschen Muskateller ein Raketentriebwerk schrauben und ihn in geschmacklich neue Welten schießen?

Muskateller ist in Franken schon lange bekannt, als Anteil in den Gemischten Sätzen. Er ist sogar eine der ältesten dort bekannten Reben – und eine die Uli Luckert schon immer faszinierte. 2011 pflanzte seine Familie sie an, auf einem halben Hektar, in der „Großen Gewächs“-Lage Sulzfelder Maustal. „Da wächst er auf einem unwahrscheinlich steinigen Boden mit ganz, ganz hohem Muschelkalk-Anteil. Wir wollten nämlich keine plakative Frucht wie man sie auf Löß bekommt, sondern rauchige Anklänge.“ Die uralte Weinbergsparzelle heißt laut Katasterkarte Jungfrauen-Nunn. „Wir nennen sie einfach nur Nunn, das ist der althochdeutsche Name für Nonne, Vermutlich war sie früher in klösterlichem Besitz, die wussten ja immer schon, wo die guten Lagen sind.“ Da ‚Nunn‘ also quasi eine Qualitätsbezeichnung ist habe ich den Namen für unsere neue Entdeckung einfach gekapert.

Gottes Segen war dadurch anscheinend mit uns, denn der Jahrgang war top für Muskateller. „Ja, absolut, 2019 war ein hervorragendes Jahr. Trocken und warm, aber die absoluten Temperaturspitzen wie 2018 gab es nicht. 2019 hatten alle Weine durch die Bank ein halbes bis ein ganzes Promille mehr Säure. Also wunderbar saftig animierend. Wir haben die Trauben für den ‚Nunn‘ am 25./26. September mit 90 Grad Öchsle gelesen, es war wirklich ein goldener Herbst, immer gutes Wetter. Die Trauben waren kerngesund, keinerlei Fäulnis, so dass wir sie auf den Punkt reif werden lassen konnten. Wer in dem Jahr keinen gescheiten Wein zusammengebracht hat, der hat seinen Beruf verfehlt!“

Es folgte 24 Stunden Maischestandzeit, dann erst wurde abgepresst. „Das machen wir beim Muskateller immer so, die Sorte ist prädestiniert dafür, weil viel Aroma in der Schale drinsteckt.“ Dann ging es ab ins große Holzfass. „Dafür stehen wir! Unsere großen Fässer sind alle aus Spessart-Eiche. Der Bezug zur Regionalität ist uns dabei sehr wichtig, die Küferei ist gerade mal 35 Kilometer entfernt, der Spessart fängt 40 Kilometer entfernt an. Viele Franzosen holen da auch Holz um dann ‚französische Barriques‘ draus zu machen.“ Die Luckerts suchen das Holz für ihre Fässer vor Ort selbst aus, sie riechen an jedem Baumstamm. „Holz riecht nicht wie Holz, da hat jeder Baum seine eigene Charakteristik.“ Die meisten Fässer bei den Luckerts fassen 1.500 Liter, der Entdeckungswein kam aber in ein kleineres 700er. Der Grund? Das Fass gibt noch feine Holzaromen ab. Der ‚Nunn‘ ist erst der zweite Wein, der in diesem heranreifte, der Einfluss des Holzes ist dadurch ganz zurückhaltend und unterstützend. Poetisch Veranlagte sprechen in so einem Fall davon, dass der Wein „zart vom Holz geküsst“ sei.

Es gibt noch einen extrem wichtigen Unterschied zum „normalen“ Muskateller der Luckerts: „Wir hatten 20% ganze Beeren mit im Fass, um ein bisschen mehr Phenolik reinzubringen, und über die Gerbstoffe auch mehr Frische.“

Für Uli Luckert war die Entwicklung im Fass eine kleine Achterbahnfahrt. „Mal stand der Muskateller im Vordergrund, vier Wochen später das Holz, es war sehr spannend das mitzuverfolgen.“ Was man dabei wissen muss, ist, dass der Wein unglaubliche 13 Monate auf der Vollhefe lag! Eine mehr als bemerkenswerte Zahl. Alle vier Wochen rührte Uli Luckert die sich am Boden sammelnde Hefe auf, der Fachbegriff dafür ist Bâtonnage, ansonsten ließ er den Wein völlig in Ruhe. „Bâtonnage machen wir bei all unseren Weinen, aber nicht so extrem lang wie beim ‚Nunn‘. Es beeinflusst das Mundgefühl deutlich, dadurch entsteht eine feine Cremigkeit. Dazu kommt in diesem Fall beim Mundgefühl diese Saftigkeit, die feine Phenolik und eine frische Säure. Ein wirklich balancierter Muskateller!“ Auch den Biologischen Säureabbau hat der spontan, also mit wilden Hefen, vergorene Weine gemacht, was ihm einen Hauch mehr Fülle verleiht.

Und jetzt drei entscheidende Worte, die vor allem klar machen, dass die Luckerts Könige im kontrollierten Nichtstun sind. Der Entdeckungswein ist ungeschwefelt, ungeschönt, unfiltriert. Dadurch ist er hefetrüb, deswegen können wir ihn auch nur als Landwein deklarieren. Das ist uns aber völlig schnurz, da es dem Wein Komplexität rauben würde ihn „blank“ zu machen. Die Trübung ist also keine optische Täuschung – genau wie das entsprechend augenzwinkernd gestaltete Etikett.

Lagerfähigkeit? „Fünf Jahre plus, ohne Probleme“, sagt Uli. Trinktemperatur? „Nicht zu kalt, idealerweise zwischen 12 und 14 Grad. Eisgekühlt nimmt man dem Wein viel weg.“

Der ‚Nunn‘ ist ein großartiger Weißwein geworden, mit feinen exotischen Noten von Pink Grapefruit und Lychee, am Gaumen gesellen sich Aprikose und Lavendel hinzu, all das elegant nuanciert und balanciert. Ein Weißwein, den man auch gerne dekantieren darf, der sich erstaunlich lange in der geöffneten Flasche hält, und der zeigt zu was diese uralte Rebe in Deutschland fähig ist. Übrigens gibt es kaum eine Rebe, die besser zu asiatischem Essen passt – oder zu einem Zitronen-Sauerkraut mit Gewürzessenz und Reiscreme vom 2-Sternekoch Andre Köthe aus dem Restaurant Essigbrätlein in Nürnberg, einem guten, alten Freund von Uli Luckert.