2016
Entdeckung Nr. 8
„Gipfelstürmer“
Weingut Aldinger / Württemberg

(19,30 € / ausverkauft)

Schauen Sie mal genau hin! Also ins Kleingedruckte. Auf dem Etikett. Meistens stehen im Kleingedruckten ja eher unangenehme Dinge, aber auf unserem Fund nicht. Gefunden? Das Ungewöhnliche? Genau: „Ohne Zugabe von Sulfiten“. Und jetzt schauen Sie auf irgendeine andere Flasche, die bei Ihnen steht. „Enthält Sulfite“ steht drauf, nicht wahr?

Das Geheimnis: Der „Gipfelstürmers“ wurde komplett ohne Schwefel (SO2) auf die Flasche gebracht. Ein wenig Schwefel entsteht bei der Vinifizierung ganz natürlich, der Gesamt-SO2-Gehalt liegt beim „Gipfelstürmer“ allerdings bei 8 mg/L – und damit unter der Deklarierungsgrenze.

Nicht zu schwefeln ist eine von vielen Entscheidungen die Matthias Aldinger getroffen hat, um einen Trollinger zu kreieren, der komplexer ist als alles was bisher in Deutschland aus dieser ebenso traditionsreichen wie belächelten Rebsorte gekeltert wurde. Trollinger, das ist die Milch der Schwaben. Keine Rotweinsorte wird in Württemberg mehr angebaut (rund 2.300 Hektar gibt es in Deutschland, gerade einmal 34 Hektar außerhalb des Ländles), keine wird so geliebt (es gibt sogar einen Trollinger-Marathon), keine wird so gern als Viertele getrunken. Dabei ist der Trollinger für den Winzer eine undankbare Rebe. Sie will in die besten Lagen gesetzt werden und erbringt doch nur einen dünnen Wein mit wenig Öchsle. Ohne Anreichern geht da so gut wie nix, weswegen man auch nahezu nie Prädikatsweine vom Trollinger findet, da das Anreichern bei solchen Weinen verboten ist. Dazu kommt, dass er lange am Stock reifen muss, was immer Risiken mit sich bringt. Ebenfalls problematisch: die Farbe des fertigen Rotweins erinnert manchmal mehr an einen Rosé.

Aber immerhin ist die Erntemenge groß, die Trauben schmecken lecker und Trollinger lässt sich fast immer wunderbar wegtrinken und passt mit seiner kernigen Art auch zu Herzhaftem bestens. Ein idealer Schoppenwein. Der Namen Trollinger stellt jedoch ein Missverständnis dar. Mit Trollen hat die Rebe nichts zu tun. Entstanden ist der Name aus „Tirolinger“ wegen seiner Heimat Südtirols, wo er als Vernatsch bekannt ist. Vielleicht wäre man besser bei seinem alten Namen geblieben, der auf die Form der Beere anspielt: Hammelhoden.

Ich fragte mich nun: Wie gut kann Hammelhoden schmecken? Den besten Trollinger Deutschlands erzeugt das Weingut Gerhard Aldinger (Fellbach), das 1492 gegründet wurde, im Jahr also als Kolumbus Amerika entdeckte – oder die Amerikaner Kolumbus. Deren Trollinger „Sine“ ist einer der puristischsten Weine Deutschlands, bei dem alles weggelassen wird – sogar die Schrift auf dem Etikett. Ich wünschte mir einen „Sine“ mit Raketenantrieb, einen „Sine“ der behandelt wird wie ein großer Burgunder, mit Ausbau im Barrique, mit Trauben von alten Reben in einer Spitzenlage.

Matthias Aldinger war Feuer und Flamme für die Idee. Die Trollinger-Rebstöcke des „Gipfelstürmers“ stehen in der Lage Mönchweinberge. Die kennt heute kaum einer weil sie nun Teil des berühmten Fellbacher Lämmler ist (Große Lage nach VDP-Modell). Das Pflanzjahr ist 1988, mit 28 Jahren haben sie also schon ein stattliches Alter für Trollinger-Rebstöcke. Es handelt sich um ganz besondere Rebstöcke, eine eigene Selektion der Aldingers, die dafür ihre besten Trollinger-Reben vermehrt haben. „Die Trollinger haben wir extra für Dich extrem ausgedünnt auf eine Traube pro Trieb (ohne Schultern und oftmals halbiert). Blätter haben wir auch entfernt, damit sie sehr gut durchreifen.“, schrieb mir Matthias. Das Ziel: Weniger Menge, mehr Klasse.

Die Trauben wurden am 14.10.2015 per Hand mit 82 Grad Öchsle und kerngesund geerntet (70 Grad Oechsle sind es im württembergischen Mittel!). So weit, so normal. Doch was dann passierte war kein bisschen normal, ganz im Gegenteil, es war spektakulär: Die Trollinger-Trauben wurden wie vor Jahrhunderten mit den Füssen in offenen Holzfässern eingemaischt! Alles ohne Abbeeren. Die Gärung erfolgte dann spontan im 500 Liter-Holz-Tonneau von der Tonnellerie Rousseau aus dem Burgund. Nachricht von Matthias dazu: „So reife Trollinger wie diese hab ich noch nie gesehen. Liegt sicherlich aber auch an dem Jahr. Dein Trollinger wird sicher der Kräftigste von unseren Trollingern!“ Von Natur aus hatte der „Gipfelstürmer“ 11,7%, Matthias chaptalisierte ihn behutsam auf 12,5%. Leicht ist er jetzt immer noch, aber eben mit einem Hauch mehr an Wumms (kleine Triebwerksraketen) und Länge.

Einmal am Tag wurde der Trestergut sanft nach unten gestoßen, um die Extraktion aus den Traubenhäuten und Kernen zu erhöhen. Vier Wochen ging das so, anschließend wanderte der Wein für 12 Monate ins neue Holzfass, ein Vicard traditionell (ein Fumé Fass, mit einem solchen hat Matthias bereits einen grandiosen Chardonnay hinbekommen) und danach unfiltriert in die Flasche, wo er fünf Monate weiterreifte. Das war gleich ein ganzer Satz an Raketentriebwerken was Komplexität, Tiefe und Länge betrifft.

Matthias hat eine Burgunderflasche gewählt, denn das ist die Konkurrenz an der er sich messen lassen muss. Kann Trollinger, wenn man ihn so gut macht wie nur irgend möglich, an dessen Qualität kratzen? Auf seine ganz eigene, aromatische Art und Weise?

Und wie ist schmeckt er denn nun, der fertige „Gipfelstürmer“? „Deinen Trollinger finde ich klasse“, sagt Matthias. „Ich mag den Grip, den das neue Holz verleiht! Hat bestimmt ein tolles Lagerpotential, sicher 5-8 Jahre. Wobei das schwer zu sagen ist, da der Schwefel fehlt. Als Trinktemperatur würde ich 16 Grad empfehlen. Im Glas darf er sich dann noch etwas erwärmen. Der „Gipfelstürmer“ ist ein Trollinger, der durch die Vergärung auf der Maische eine dichte, dunkelrote Farbe besitzt. In der Nase überwiegen zunächst kräuterig-rauchige Teearomen, begleitet von einer Sauerkirschnote. Nuancen von Waldbeeren beleben vor allem den Eindruck des Weines am Gaumen. Im Abgang präsentieren sich Holztannine, die diesem Wein einen sehr komplexen, sowohl kraftvollen als auch eleganten Körper verleihen. Ein eigenwilliger Trollinger mit reichlich Potential und einem fantastischen Tiefgang.“

Mir geht es genauso: was für ein Tiefgang für einen Trollinger! Was für eine Komplexität! Ich habe ihn bereits dreimal in Blindproben mit Wein-Profis gestellt: absolut niemand kam auf die Rebsorte. Es ist tatsächlich ein Trollinger, der wie sein Name sagt, einen Gipfel besteigt, auf dem bisher noch kein Trollinger war. Eine neue Höchstmarke in Sachen Qualität. Aber nicht nur deshalb haben wir den Namen gewählt. Auf dem Foto des Etiketts ist Gerhard Aldinger zu sehen (*25.01.1930 + 09.02.2016), „Opa Gipsi“ wurde er liebevoll genannt, er war die 14. Generation der Aldingers, und der Großvater von Matthias der mit seinem Bruder Hansjörg heute zusammen das Weingut führt. Gerhard Aldinger war ein echter Gipfelstürmer, der gerne ins Allgäu fuhr, genauer ins Tannheimer Tal. Er war aber auch mindestens einmal im Jahr, oft zwei oder gar dreimal in Südtirol. Dort kannte er alle namhaften Weinerzeuger und liebte die Gegend, die Heimat des Vernatsch, wie der Trollinger hier heißt. Auf dem Etikett sieht man Gerhard Aldinger einen Gipfel der Dolomiten stürmen. Auf diese Weise ist der Wein auch ein Denkmal für ihn. Und zwar ein flüssiges, genau wie es sich für einen Winzer gehört! Danke an Raketentriebwerksmeister Matthias Aldinger, dass wir diesen Wein bei ihm entdecken durften – es war ein echtes Abenteuer!