2017
Entdeckung Nr. 9
„Back to our future“
Weingut Balthasar Ress / Rheingau

(31,50 €)

Dirk Würtz ist einer der deutschen Winzer, mit dem ich schon seit Jahren ein Projekt realisieren wollte. Ich wartete nur auf eine Idee, die verrückt genug für ihn war. Im letzten Frühjahr hatte ich sie: ein virtueller „Gemischter Satz“. Das Thema „Gemischter Satz“ begleitet mich seit meinen Anfängen als Weinjournalist, einen meiner allerersten Artikel schrieb ich dazu. „Gemischter Satz“ bedeutet, dass in einem Weinberg nicht nur eine Rebsorte steht, sondern viele wild durcheinander. Diese werden zusammen gelesen, und vergoren. Früher war dieses Durcheinander üblich in deutschen Weinbergen, denn es minimierte das Risiko.

Solche Weine schmecken jedes Jahr völlig anders, da in einem Jahr die eine Rebsorte reif und eine andere unreif ist, im nächsten Jahr ist es dann vielleicht genau umgekehrt. Und in „Gemischten Sätzen“ stehen nicht nur zwei Rebsorten, sondern manchmal bis zu vierzig. Diese Weine besitzen eine ganz besondere Magie, denn obwohl sie aus vielen Sorten bestehen, schmecken sie so harmonisch und schlüssig als seien sie aus einer einzigen gekeltert. Der Elsässer Kultwinzer Marcel Deiss schwört auf Gemischte Sätze, weil er sagt dadurch nicht Rebsortenaromen auf die Flasche zu bringen, sondern die seines Terroirs - weil sich die Charakteristiken der Rebsorten gegenseitig aufheben würden. Da das Terroir jedoch durch sie spricht, tritt es beim Gemischten Satz in den Vordergrund.

Einen solchen Weinberg anzulegen ist sehr kompliziert, erst nach Jahren weiß man, ob alles richtig konzipiert wurde. Deshalb plante ich einen „Virtuellen Gemischten Satz“. Ich erzählte Dirk Würtz davon - und er hatte sofort Lust darauf. Überreden unnötig. Dirk arbeitet seit 2009 beim Rheingauer Spitzen-Weingut Balthasar Ress, zuerst als Keller- dann auch als Betriebsleiter. Dank ihm hat es heute Kultstatus, Weinjournalisten überschütten es mit Höchstwertungen, im Bereich des Orange Wine ist es einer der absolut führenden Betriebe in Deutschland. In Dirks Weinbergen stehen drei Rebsorten: Riesling, Weissburgunder und Spätburgunder. Sie sollten alle in den Virtuellen Gemischten Satz, und zwar zu gleichen Teilen, Ein Drittel von jeder. Wir suchten eine Lage, in der sie alle stehen. Dirk entschied sich für die Hattenheimer Hassel - und damit eine Lage, die nach VDP-Statut als „Große Lage“ zertifiziert ist. Die sich sanft nach Süden neigende Lage ist nah am Rhein und hat ihren Namen wohl von Haselnusssträucher, die hier einst wild wuchsen, Schon 1273 wurde die Lage urkundlich erwähnt, die dank ihres tiefgründigen Lösslehmbodens auch in trockenen Jahren eine gute Wasserversorgung garantiert. Die Trauben für unseren Fund sollten am gleichen Tag gelesen und gekeltert werden.

Soweit der Plan. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Manchmal muss man ihn aber anpassen. 2016 war nicht das einfachste Jahr in der Geschichte des Rheingauweins. Der Weißburgunder musste am 22.September mit 83 Grad Öchsle schnell reingeholt werden, weil er sonst nicht mehr zu ernten gewesen wäre. Der Hagel hatte den Trauben schwer zugesetzt. Riesling und Spätburgunder wiesen zu diesem Zeitpunkt noch keine perfekte Reife auf. Sie wurden eine Woche später zusammen gelesen (mit 90 Grad Öchsle beim Pinot und 85 beim Riesling) und wanderten dann zu dem bereits gärenden Weissburgunder. Wir legten fest, dass es von jeder Sorte ein Drittel sein sollte.
Wie immer bei den Funden der „Deutschen Wein-Entdeckungs-Gesellschaft“ lassen wir den Weinen Zeit. Mehr Zeit sogar, als der VDP seinen „Großen Gewächsen“ gönnt. Als ich am 17. Oktober 2017 Dirk auf dem Weingut besuchte, lagen die drei Gebinde alle noch auf der Vollhefe. Bei der Füllung des fertigen Weins lagen sie so über ein Jahr! Das ist genau das bisschen Wahnsinn, das man sich bei unseren Funden leisten kann. Wir verkosteten die Weine einzeln, die kurz vor Gärende in drei verschiedene Fässer wanderten, wo sie alle drei den Biologischen Säureabbau von sich aus durchliefen (was Hausstil ist). Hier meine Notizen:

Nr. 1: Lag im neuen 225-Liter-Fass von der Tonnellerie Gauthier. Extrem vom vanilligen Holz geprägt, wenig Würze, ein bisschen Quitte und Zitrone, weiche Struktur.

Nr. 2: Lag im alten 350-Liter Fass von der Tonnellerie Francois Frères. Heftiger Böckser, starke Säure, positiv adstingierend.

Nr. 3: Lag im 500-Liter Fass von der Tonnellerie Cadusin Zweitbelegung. Zarte Nuss, sehr seriöse Art, seidig, füllig. enorm dicht und cremig. Unfassbar, dass dies alles derselbe Wein sein sollte!

Dann stellten wir eine erste Cuvée zusammen. Ich habe diesen Prozess schon etliche Male durchgeführt, man tastet sich peu a peu an das richtige Mischungsverhältnis heran, bis es zum Schluss manchmal nur noch um 1% mehr davon und 1% weniger von diesem Grundwein geht. Ich verkostete Cuvée Nummer 1. Es war so komponiert als würden wir alle Fässer komplett vermählen.

Dirk sah mich fragend an. „Und? Was meinste?“
„Wahnsinn, ist perfekt“, antwortete ich. „Würze, Papaya, edle Vanille, tierisch viel Saft, gro0e Länge, Graphit im Nachklang, da passt echt alles zusammen.“
„Ja, ne? Ich habe das schon ein paar Leute probieren lassen und alle fanden es genial. Wenn wir nicht bald abfüllen, ist nichts mehr davon da.“

In einer Blindprobe würde man den Wein als rebsortenreinen Chardonnay einstufen, und wegen seiner markanten, geradezu rassigen Säure (kein Wunder aufgrund des Rieslings!) und seines prägnanten aber herrlich eingewobenen Holzes, als einen aus dem Burgund. Der magische Name Coche-Dury kam Dirk und mir automatisch in den Sinn. Wir wussten zu Anfang des Projekts überhaupt nicht, was wir später im Glas haben würden, aber damit hatten wir nicht gerechnet. Der Wein hat genau die erhoffte Schlüssigkeit, dazu einen irren Druck und große Länge bei hoher Transparenz. Er bietet ohne Ende Trinkfluss und wird diese aufgrund seiner Anlagen für viele weitere Jahre besitzen. Es ist ein Wein, der einen schon beim ersten Schluck lächeln lässt. Dirk ist so begeistert davon, dass er das Konzept „Virtueller Gemischter Satz“ bei seinem neuen Projekt „Akte W“ weiterverfolgen will.

Danke, Dirk, für deine Risikobereitschaft & deinen Wahnsinn, danke Hattenheimer Hassel für deine Trauben. und Danke an alle Mit-Entdecker der „Deutschen Wein-Entdeckungs-Gesellschaft“, dass sie solch einen Wein überhaupt ermöglichen. Dieses hochriskante Projekt ist bestmöglich gelungen!

Ich habe diesen Wein „Back to our future“ getauft. Nicht nur, weil Dirk genau wie ich den Film lieben, der Pate stand, und wir darauf hoffen irgendwann ein echtes Hooverboard fliegen zu können, sondern weil dieser Wein mit einer alten Herangehensweise in die Zukunft weist. Manchmal muss man zurückblicken, um den Weg nach vorne zu finden. Marty McFly würde sicher nicht widersprechen.